In Deutschland wird leidenschaftlich darüber gestritten, wie sich Wohlstand verteilen lässt. Über eine andere Frage wird erstaunlich selten gesprochen: Wer soll ihn künftig eigentlich erwirtschaften? Der neue BMW-Chef Milan Nedeljković hat dazu unbequeme Worte gefunden. Die Arbeitskosten seien zu hoch, die chinesische Konkurrenz sei schneller, und selbst die 35-Stunden-Woche werde im globalen Wettbewerb zum Hindernis. Wenn der Chef eines der bekanntesten deutschen Industrieunternehmen so spricht, sollten wir genauer hinhören.
BMW ist schließlich kein Sanierungsfall. Die Münchner haben mit deutscher Ingenieurskunst und hochwertigen Autos jahrzehntelang auf den Weltmärkten Geld verdient. Doch die Spielregeln verändern sich. Chinesische Hersteller entwickeln neue Modelle in atemberaubendem Tempo und bieten Elektroautos zu Preisen an, mit denen europäische Produzenten schwer mithalten können. Gleichzeitig belasten hierzulande hohe Kosten für Arbeit, Energie und Bürokratie die Unternehmen. Der Vorsprung der deutschen Industrie ist nicht mehr selbstverständlich.
Dabei geht es um weit mehr als Autos. Deutschlands Wohlstand beruht auf Unternehmen, die Produkte entwickeln, herstellen und verkaufen, für die Kunden freiwillig Geld bezahlen. Das schafft Arbeitsplätze und Steuern, aus denen der Sozialstaat finanziert wird. In der politischen Debatte scheint sich diese Reihenfolge gelegentlich umzukehren: Erst werden neue Ansprüche formuliert, dann wird nach der Finanzierung gesucht. Im Zweifel hilft der nächste Kredit. Doch Schulden können Investitionen ermöglichen, sie ersetzen keine wettbewerbsfähige Wirtschaft. Hohe Löhne brauchen hohe Produktivität.
Die gute Nachricht: Nedeljković beschreibt nicht nur Probleme. BMW verschlankt seine Verwaltung, beschleunigt Abläufe und setzt mit der „Neuen Klasse“ auf eine Modelloffensive. Gegenüber China plädiert der Konzernchef nicht einfach für Abschottung, sondern für fairen Wettbewerb. Diese Haltung brauchen wir häufiger: weniger Klagen über die Konkurrenz, mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. An Können fehlt es Deutschland nicht, wohl aber oft an Tempo. Das lässt hoffen, dass unser Industriestandort mehr kann als sparen.
Hier liegt die Verbindung zum Edelmetallmarkt. Wohlstand zu schaffen ist eine Aufgabe. Den bereits geschaffenen Wohlstand zu bewahren, eine andere. Gold entwickelt keine Motoren und bezahlt keine Renten. Es kann aber dabei helfen, Vermögen breiter aufzustellen und Abhängigkeiten von einzelnen Währungen und politischen Entscheidungen zu verringern. Dass dies keinen Schutz vor zeitweiligen Kursverlusten bedeutet, hat der Mittwoch gezeigt.
Der 7. Oktober: Zinsschock statt sicherer Hafen
Am 7. Oktober gerieten die Edelmetalle kräftig unter Druck. Gold sank zeitweise auf rund 4.096 US-Dollar je Feinunze, den niedrigsten Stand seit Anfang August. Später lag der Preis bei etwa 4.114 Dollar, rund 1,2 Prozent unter dem Vortag. Silber rutschte unter 60 Dollar und verlor rund drei Prozent. Platin und Palladium gaben um knapp vier Prozent nach. Der Rückschlag erfasste damit den gesamten Edelmetallsektor.
Die Ursache lag vor allem am US-Anleihemarkt. Die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen stieg zeitweise auf mehr als 5,3 Prozent – ein Niveau, das seit über zwei Jahrzehnten nicht mehr erreicht worden war. Gleichzeitig legte der Dollar zu. Für Gold ist das eine unangenehme Kombination: Staatsanleihen bieten hohe laufende Erträge, das Edelmetall dagegen keine Zinsen. Ein stärkerer Dollar verteuert zudem Gold und Silber für Käufer mit anderen Währungen.
Hinter der Bewegung steht die Sorge, dass die Inflation in den USA hartnäckig bleibt. Teures Öl infolge der Spannungen im Nahen Osten verstärkt die Befürchtungen. Das Paradoxe: Die Krise, die Gold stützen könnte, belastet es kurzfristig. Steigende Energiepreise nähren Inflationsängste, diese treiben Marktzinsen und Dollar, und beides belastet Gold. Die Finanzmärkte reagieren also nicht nur auf die Krise, sondern auch auf die erwartete Antwort der Notenbank.
Wie schwierig deren Lage ist, zeigte das am Mittwoch veröffentlichte Protokoll der amerikanischen Federal Reserve. Die Währungshüter hatten den Leitzins im September erstmals seit drei Jahren um einen Viertelprozentpunkt erhöht. Über die Gründe herrschte Uneinigkeit, doch die meisten hielten eine weitere Anhebung bis Jahresende für angemessen. Eine baldige Zinssenkung ist damit vorerst aus dem Blick geraten. Ob sie im Dezember handelt, hängt von neuen Daten ab.
Ist die Stimmung am Goldmarkt wirklich gekippt?
Die Verluste sind ernst zu nehmen. Schon im September hatte Gold unter dem Zinsdruck gelitten. Höhere Renditen, ein starker Dollar und die Aussicht auf zusätzliche Zinsschritte können die Preise weiter belasten. Ein erneuter Test der Marke von 4.000 Dollar ist nicht ausgeschlossen. Gold hat deutlich gezeigt, dass es auch in unsicheren Zeiten keine Einbahnstraße ist.
Für einen grundlegenden Stimmungsumschwung sprechen die bisherigen Daten allerdings noch nicht eindeutig. Am Donnerstagmorgen erholte sich Gold wieder in Richtung 4.140 Dollar, als der Dollar etwas nachgab. Vor allem bestehen längerfristige Motive der Goldnachfrage fort. Die chinesische Zentralbank stockte ihre Bestände im September erneut auf und setzte ihre Käufe damit den 23. Monat in Folge fort. Solche Entscheidungen hängen nicht allein von der nächsten Zinssitzung ab. Notenbanken wollen ihre Reserven streuen und Abhängigkeiten verringern.
Hinzu kommt ein Widerspruch: Hohe Anleiherenditen belasten kurzfristig Gold, langfristig aber auch hoch verschuldete Staaten. Je mehr Geld diese für Zinsen aufwenden, desto weniger bleibt für andere Aufgaben. Sollten Anleger steigende Renditen irgendwann vor allem als Zeichen wachsender Zweifel an der Tragfähigkeit von Staatsschulden verstehen, könnte Gold erneut profitieren. Ob dieser Punkt erreicht wird, ist offen.
Silber, Platin und Palladium hängen zusätzlich von der Industriekonjunktur ab. Silber wird für elektrische Anwendungen gebraucht, Platin und Palladium spielen bei der Abgasreinigung von Verbrennungsmotoren eine wichtige Rolle. Die Umstellung auf Elektromobilität beeinflusst deshalb auch ihre Perspektiven. Damit schließt sich der Kreis zu BMW: Wie schnell sich neue Technik durchsetzt, wird mitentscheiden, wie sich die Nachfrage nach diesen Metallen entwickelt.
Kurzfristig hat sich das Umfeld für Edelmetalle also durchaus verschlechtert, der Mittwoch war ein Warnsignal. Daraus folgt jedoch nicht, dass der langfristige Wunsch nach finanzieller Absicherung verschwunden wäre. Um auf den ersten Teil unseres Marktberichts zurückzukommen: Wohlstand entsteht durch Arbeit, Ideen und erfolgreiche Unternehmen. Bewahren lässt er sich durch Weitsicht und eine vernünftige Verteilung der Risiken. Beides erfordert Geduld, einen langen Atem – und Gold als Teil des Investment-Portfolios.