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Wohlstand ist kein Naturgesetz

Wohlstand hat eine unangenehme Eigenschaft: Man gewöhnt sich erstaunlich schnell an ihn. An volle Supermarktregale, sichere Arbeitsplätze, funktionierende Infrastruktur und daran, dass deutsche Unternehmen auf den Weltmärkten zu den Besten gehören. Irgendwann erscheint all das selbstverständlich. Ist es aber nicht. Daran hat der frühere Siemens-Chef Joe Kaeser in einem bemerkenswerten Interview erinnert. Er sorgt sich darum, dass Deutschland und Europa ihren Wohlstand verspielen könnten, wenn notwendige Veränderungen immer weiter hinausgeschoben werden.

Seine Warnung sollte man ernst nehmen. Denn vielleicht liegt genau hier eines unserer größten Probleme. Deutschland ist noch immer ein wohlhabendes Land. Unsere Unternehmen verfügen über Kapital, Patente und jahrzehntelange Erfahrung. Wir haben hervorragend ausgebildete Ingenieure, Techniker und Facharbeiter, einen starken Mittelstand und Produkte, die weltweit gefragt sind. Gerade dieser Erfolg kann allerdings trügerisch sein. Eine Fabrik verschwindet schließlich nicht über Nacht. Eine Maschine läuft weiter, auch wenn ihre modernere Nachfolgerin künftig in Amerika oder Asien steht. Und ein Unternehmen kann noch jahrelang Gewinne erwirtschaften, obwohl längst zu wenig in seine Zukunft investiert wird. Man könnte sagen: Wir leben teilweise von der Substanz. Das funktioniert eine erstaunlich lange Zeit. Aber eben nicht unbegrenzt.

Von nichts kommt nichts

Es gibt eine alte Lebensweisheit, die wirtschaftspolitisch wertvoller ist als manches hundertseitige Gutachten: Von nichts kommt nichts. Wohlstand muss erwirtschaftet werden, bevor er verteilt werden kann. Straßen müssen gebaut, Maschinen entwickelt, Menschen ausgebildet und Unternehmen gegründet werden. Wer morgen etwas verteilen möchte, muss heute dafür sorgen, dass jemand etwas produziert, eine Dienstleistung anbietet oder eine gute Idee in ein erfolgreiches Geschäft verwandelt.

Genau deshalb ist Kaesers Mahnung absolut nachvollziehbar. Wir diskutieren in Deutschland leidenschaftlich darüber, wie vorhandener Wohlstand verteilt werden soll. Wir sprechen aber manchmal erstaunlich wenig darüber, wo der Wohlstand der nächsten zwanzig Jahre eigentlich herkommen soll.

Nehmen wir die Energie. Deutschland ist eine Industrienation. Chemie, Stahl, Maschinenbau oder Automobilindustrie brauchen Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen. Wenn Strom und Gas hier dauerhaft deutlich teurer sind als bei wichtigen Konkurrenten, hilft irgendwann auch das beste Förderprogramm nicht mehr. Ein Unternehmen muss nicht Deutschland verlassen, um uns wirtschaftlich verloren zu gehen. Es genügt, wenn die nächste Fabrik anderswo gebaut wird.

Ähnliches gilt für Bildung und Leistungsbereitschaft. Wir werden China oder die USA nicht dadurch schlagen, dass wir billiger arbeiten. Wir müssen besser sein. Dafür brauchen wir gute Schulen, eine Berufsausbildung, auf die junge Menschen stolz sein können, und eine Gesellschaft, in der Leistung nicht als verdächtig gilt, sondern als Voraussetzung dafür, dass wir uns unseren Wohlstand weiterhin leisten können.

Dabei gibt es keinen Grund für Untergangsstimmung. Im Gegenteil. Deutschland besitzt etwas, das viele aufstrebende Volkswirtschaften erst über Jahrzehnte aufbauen müssen: industrielle Erfahrung, funktionierende Unternehmen, Kapital, Forschungseinrichtungen und einen international hervorragenden Ruf in zahlreichen Branchen. Uns fehlt nicht die Substanz. Wir müssen nur wieder mehr daraus machen.

Die Fed tut, was niemand gerne tut

Am Mittwoch hat die amerikanische Federal Reserve ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben. Es war die erste Zinserhöhung seit 2023. Die Entscheidung fiel einstimmig – und es war keine leichte Entscheidung. Denn höhere Zinsen verteuern Hypotheken und Unternehmenskredite. Sie bremsen Investitionen und erhöhen gleichzeitig die Finanzierungskosten des amerikanischen Staates. Trotzdem deutet die Fed an, dass der jüngste Schritt nicht unbedingt der letzte gewesen sein muss. Manchmal besteht verantwortliches Handeln eben nicht darin, das Angenehme zu tun, sondern das Notwendige. Das gilt für Unternehmen, für Staaten – und auch für Notenbanken.

Gold gefiel die Entscheidung zunächst überhaupt nicht. Nach der Zinserhöhung fiel der Spotpreis zeitweise um mehr als ein Prozent bis auf rund 4.240 Dollar je Feinunze. Gleichzeitig wurde der Dollar stärker. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen erreichte inzwischen fünf Prozent. Warum das Gold belastet, lässt sich einfach erklären: Ein Goldbarren zahlt keine Zinsen. Eine amerikanische Staatsanleihe inzwischen schon, und zwar reichlich. Wer sein Geld zu fünf Prozent verzinsen kann, überlegt sich genauer, ob er stattdessen Gold besitzen möchte. Damit scheint die alte Börsenregel bestätigt: Zinsen rauf, Gold runter.

Nur ist die Sache leider, oder für Goldanleger vielleicht erfreulicherweise, nicht ganz so einfach. Eine Auswertung der vergangenen zehn amerikanischen Zinserhöhungszyklen seit 1972 zeigt ein überraschendes Bild. Einen Monat nach der jeweils ersten Zinserhöhung lag Gold im Durchschnitt tatsächlich 0,7 Prozent niedriger. Kurzfristig funktioniert die bekannte Logik also durchaus. Danach änderte sich das Bild jedoch. Drei Monate nach Beginn der untersuchten Zinszyklen lag Gold im Durchschnitt bereits fünf Prozent höher. Nach sechs Monaten waren es 6,6 Prozent. Und zwölf Monate nach der ersten Zinserhöhung stand Gold in sieben von zehn Fällen höher als zuvor. Der durchschnittliche Zuwachs betrug 6,1 Prozent. Die Zinsentscheidungen hatten also in den allermeisten Fällen keine langfristige Bedeutung für die Goldpreisentwicklung.

Manchmal ist der erste Reflex nicht das letzte Wort

Und damit wären wir wieder bei einer Lebensweisheit, die Anleger gelegentlich beherzigen sollten: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Der erste Reflex nach der Fed-Entscheidung war eindeutig: Dollar rauf, Renditen rauf, Gold runter. Das ist nachvollziehbar. Die Geschichte zeigt jedoch, dass die ersten Stunden nach einer Zinserhöhung erstaunlich wenig darüber verraten, wo Gold ein halbes oder ein ganzes Jahr später steht. Für Gold bleiben deshalb dieselben Fragen entscheidend wie zuvor: Wie entwickelt sich die Inflation? Wie hoch steigen die realen Zinsen tatsächlich? Wie stark bleibt der Dollar? Wie entwickeln sich die geopolitischen Risiken? Und wie groß bleibt das Vertrauen in Staatsfinanzen und Geldpolitik? Diese Fragen sind noch lange nicht beantwortet – und diese Unsicherheit spricht auch künftig für Gold.

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