Man muss normalerweise schon genau hinschauen, wenn man eine gute Nachricht über die deutsche Wirtschaft finden möchte. Umso erfreulicher ist es, wenn gleich mehrere davon auf einmal kommen: Das Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 0,3 Prozent gewachsen. Das klingt bescheiden. Und das ist es auch. Von einem Boom kann keine Rede sein. Aber nach der langen Schwächephase bedeutet es immerhin: Die deutsche Wirtschaft ist ein kleines Stück größer geworden, statt erneut zu schrumpfen. Die Exporte legten im Quartalsvergleich sogar um zwei Prozent zu. Und nun meldet das ifo Institut auch noch deutlich bessere Stimmung in den Chefetagen: Der Geschäftsklimaindex stieg im August von 86,7 auf 88,8 Punkte. Übersetzt heißt das: Die Unternehmen beurteilen ihre Lage und vor allem ihre Aussichten wieder etwas zuversichtlicher. Von Hochstimmung sind wir weit entfernt, aber die Richtung stimmt.
Noch interessanter ist eine Zahl, die ebenfalls in dieser Woche veröffentlicht wurde: Die Exporterwartungen der deutschen Industrie sind von minus 2,8 Punkten im Juli auf plus 9,6 Punkte im August gesprungen. Das ist der höchste Stand seit Februar 2022 und zugleich der stärkste monatliche Anstieg seit mehr als sechs Jahren. Oder anders gesagt: Im Juli überwogen noch die Unternehmen, die mit schlechteren Exportgeschäften rechneten. Jetzt sind diejenigen klar in der Mehrheit, die für die kommenden Monate mehr Geschäft mit dem Ausland erwarten. Besonders optimistisch sind Unternehmen aus der Elektroindustrie sowie Hersteller von Computern, elektronischen und optischen Produkten. Auch die Automobilindustrie blickt wieder zuversichtlicher auf ihr Auslandsgeschäft.
Nun wäre es reichlich verfrüht, daraus das nächste deutsche Wirtschaftswunder abzuleiten. Denn die Verbraucher halten ihr Geld weiterhin zusammen und die Unternehmen sind noch nicht bereit, im großen Stil neue Maschinen, Anlagen und Gebäude zu finanzieren. Niedrigwasser, hohe Kosten und geopolitische Konflikte bleiben zusätzliche Belastungsfaktoren. Aber gerade deshalb sollten wir uns über die guten Nachrichten auch einmal freuen. Wer nur lange genug nach schlechten Nachrichten sucht, findet schließlich immer welche. Das gilt an der Börse genauso wie am Frühstückstisch.
Vielleicht sollten wir uns aber lieber daran erinnern, dass Wohlstand nicht per Beschluss in einem Ministerium entsteht. Wohlstand entsteht dort, wo morgens ein Betrieb aufgeschlossen wird, wo jemand eine Maschine wartet, ein Produkt entwickelt, einen Kunden überzeugt oder einem jungen Menschen erklärt, wie man eine vernünftige Arbeit abliefert. Erich Kästner hat es auf einen wunderbar einfachen Satz gebracht: „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es.“ Das ist gerade für Deutschland ein brauchbarer wirtschaftspolitischer Ratschlag. Wir reden viel über Wettbewerbsfähigkeit, Fachkräftemangel und Transformation. Am Ende entscheidet aber nicht das nächste Strategiepapier, sondern ob Menschen etwas können, etwas wagen und etwas machen.
Die erfreulichen Wirtschaftsdaten dieser Woche sollte man also weder der Politik als großen Erfolg gutschreiben noch aus Prinzip kleinreden. Sie zeigen vor allem, dass deutsche Unternehmen unter schwierigen Bedingungen weiterhin wettbewerbsfähig sind. Im zweiten Quartal kam ein wesentlicher Wachstumsimpuls aus dem Ausland. Die deutsche Wirtschaft meldet sich also nicht zurück, weil jemand in Berlin einen neuen Fördertopf erfunden hat. Sie meldet sich zurück, weil noch immer irgendwo auf der Welt genügend Leute deutsche Waren kaufen möchten.
Gold bekommt einen kleinen Dämpfer
An den Finanzmärkten war die wichtigste Zahl dieser Woche ebenfalls schnell erklärt. In den USA lag die von der Notenbank besonders beachtete PCE-Inflationsrate im Juli bei 3,7 Prozent. Die Kernrate ohne Energie und Lebensmittel verharrte bei 3,3 Prozent. Was bedeutet das? Die Preise steigen weiterhin deutlich schneller, als es der Federal Reserve lieb sein kann. Ihr langfristiges Ziel liegt bei zwei Prozent. Solange die Inflation deutlich darüber liegt, kann die Fed die Zinsen nicht einfach kräftig senken und muss im ungünstigsten Fall sogar noch einmal über eine Erhöhung nachdenken.
Genau darauf reagierten die Finanzmärkte. Nach Veröffentlichung der Zahlen wurde wieder etwas stärker darauf gewettet, dass die Fed im September die Zinsen noch einmal anheben könnte. Eine weitere Zinserhöhung ist damit keineswegs ausgemachte Sache, aber eben auch nicht vom Tisch. Gleichzeitig legte der Dollar zu. Für Gold ist diese Kombination normalerweise keine gute Nachricht.
Der Goldpreis fiel am Mittwoch zunächst um rund 1,3 Prozent auf etwa 4.595 Dollar je Feinunze. Das klingt nach einem ziemlich schlechten Tag. Man sollte allerdings die Perspektive nicht vergessen: Noch am Dienstag hatte Gold den höchsten Stand seit Mitte Mai erreicht. Das Edelmetall gab also einen Teil seiner jüngsten Gewinne wieder ab. Silber verlor ebenfalls, ebenso Platin. Nach einer kräftigen Aufwärtsbewegung darf auch ein Edelmetall einmal Luft holen, ohne dass gleich der große Trendbruch ausgerufen werden muss. Trotz hoher US-Zinsen, eines weiterhin starken Dollars und wiederkehrender Gewinnmitnahmen hält sich Gold auf einem historisch außergewöhnlich hohen Niveau.
Nicht jeder Rücksetzer ist eine schlechte Nachricht
In Deutschland müssen die besseren Stimmungsdaten irgendwann auch in einem höheren Aufkommen an Aufträgen, Investitionen und Beschäftigung ankommen. Aber bevor ein Unternehmer eine neue Maschine bestellt oder einen zusätzlichen Mitarbeiter einstellt, muss er zunächst daran glauben, dass sich das Geschäft lohnt. Insofern sind 88,8 Punkte noch kein Grund, den Sekt kaltzustellen – aber durchaus einer, das Glas einmal nicht halb leer zu betrachten. Der Exportweltmeister von vorgestern ist noch lange nicht abgeschrieben. Oder mit anderen Worten: Totgesagte exportieren eben manchmal länger.