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Gold nimmt Anlauf: Jetzt noch günstig einsteigen?

Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, um anschließend wieder nach vorne zu kommen. Was beim Anlauf zum Weitsprung selbstverständlich ist, sorgt an den Finanzmärkten regelmäßig für Nervosität. Kaum fällt Gold einige Tage, werden aus überzeugten Goldanlegern plötzlich Zweifler. Und kaum steigt der Preis wieder, fragen dieselben Anleger, ob sie den richtigen Einstiegszeitpunkt nicht längst verpasst haben.

Genau dieses Schauspiel konnten wir in den vergangenen Tagen wieder beobachten. Nach seinem Hoch von rund 4.660 Dollar Ende August legte Gold eine kräftige Verschnaufpause ein. Am Mittwochmorgen fiel der Preis zeitweise bis in die Nähe von 4.300 Dollar je Feinunze und damit auf den niedrigsten Stand seit Anfang August. Das klingt zunächst dramatisch. Dabei hatte Gold nur innerhalb weniger Tage einen guten Teil seiner vorherigen Gewinne wieder abgegeben.

Wer schon länger an den Finanzmärkten unterwegs ist, weiß allerdings, dass kein Preis in einer geraden Linie nach oben läuft. Nach einer kräftigen Rally sind Gewinnmitnahmen eher ein Zeichen eines funktionierenden Marktes als ein Grund zur Panik. Dies zeigte sich augenblicklich am vergangenen Mittwoch: Aus einem deutlichen Minus wurde plötzlich ein kräftiges Plus. Gold drehte im Tagesverlauf und gewann mehr als ein Prozent auf rund 4.374 Dollar. Vom Tagestief aus fiel die Bewegung noch eindrucksvoller aus. Auch Silber, Platin und Palladium zogen wieder an. Wer morgens noch den Abgesang auf die Edelmetalle anstimmen wollte, musste am Nachmittag bereits die Notenblätter austauschen.

Warum Gold plötzlich wieder glänzt

Die Erklärung dafür ist weniger kompliziert, als die täglichen Börsenberichte manchmal vermuten lassen. Einer der wichtigsten Gegner des Goldpreises waren zuletzt die stark gestiegenen Zinsen am amerikanischen Anleihemarkt. Zehnjährige US-Staatsanleihen warfen am Mittwoch zeitweise Renditen von rund 4,8 Prozent ab. Das ist für Gold unangenehm: Wer sein Geld vergleichsweise sicher für fast fünf Prozent verleihen kann, verlangt gute Gründe dafür, stattdessen ein Edelmetall zu besitzen, das keine Zinsen zahlt. Gleichzeitig war der Dollar auf den höchsten Stand seit mehreren Wochen gestiegen. Auch das belastete Gold.

Im Laufe des Mittwochs ließ dieser Druck jedoch nach. Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen kamen von ihren Höchstständen zurück und auch der Dollar gab wieder etwas nach. Schon reichte der Gegenwind nicht mehr aus, um Gold unten zu halten. Hinzu kamen schwächer als erwartet ausgefallene Daten vom amerikanischen Arbeitsmarkt. Die Beschäftigung im privaten Sektor wuchs im August weniger stark als erwartet. Das ist noch kein Beweis für eine bevorstehende Wirtschaftsschwäche, lässt Anleger aber wieder genauer darüber nachdenken, wie weit die US-Notenbank mit höheren Zinsen tatsächlich gehen kann. Am Freitag folgt mit dem offiziellen amerikanischen Arbeitsmarktbericht die wesentlich wichtigere Zahl.

Damit steckt Gold momentan in einem interessanten Spannungsfeld: Auf der einen Seite sorgen hohe Ölpreise für neue Inflationsängste. Die jüngste Eskalation zwischen den USA und dem Iran hat Rohöl wieder deutlich verteuert. Höhere Energiepreise können die Inflation anheizen – und damit die US-Notenbank zu höheren Zinsen zwingen. Genau deshalb wurde an den Märkten zuletzt wieder ernsthaft über eine Zinserhöhung im September gesprochen. Auf der anderen Seite erhöhen dieselben geopolitischen Konflikte das Bedürfnis nach Sicherheit. Was Gold als Krisenschutz hilft, kann ihm über höhere Inflation und Zinsen gleichzeitig schaden. Verrückt? Vielleicht. Aber Finanzmärkte sind nun einmal selten so höflich, sich an einfache Lehrbücher zu halten.

Ist Gold jetzt also „günstig“?

Bei einem Goldpreis von mehr als 4.000 Dollar klingt das Wort „günstig“ zunächst etwas verwegen. Vor wenigen Jahren wären solche Kurse schließlich kaum vorstellbar gewesen. Gemeint ist deshalb etwas anderes: Wer ohnehin einen Teil seines Vermögens langfristig in Gold halten möchte, bekommt das Edelmetall derzeit deutlich günstiger als noch Ende August. Vom damaligen Hoch bei rund 4.660 Dollar hatte Gold bis zum Mittwochmorgen zeitweise mehr als sechs Prozent verloren.

Ob damit bereits der perfekte Einstiegskurs erreicht ist, weiß selbstverständlich niemand. Wer Ihnen verspricht, den Tiefpunkt auf Dollar und Cent vorherzusagen, verfügt über eine funktionierende Kristallkugel. Für langfristige Anleger, die sich nicht auf Hokuspokus verlassen möchten, sondern mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehen, ist die Frage nach dem „perfekten“ Einstiegskurs oder dem „fairen“ Preis von Gold ohnehin weniger wichtig. Entscheidend ist nicht, ob Gold morgen 50 Dollar höher oder niedriger steht, sondern ob man überhaupt welches besitzt – und ob die Gründe für Gold weiterhin aktuell sind.

Auch wir haben keine Kristallkugel, aber eines können wir sicher vorhersagen: An den Argumenten für Gold als Vermögensschutz hat sich erstaunlich wenig geändert. Die amerikanischen Staatsschulden haben inzwischen die Marke von 40 Billionen Dollar überschritten. Weltweit kämpfen Regierungen mit hohen Defiziten und steigenden Zinskosten. Geopolitische Konflikte sind eher zahlreicher als weniger geworden. Gleichzeitig setzen Zentralbanken weiterhin auf Gold. Denn anders als bei einer Staatsanleihe hängt der Wert des Goldes nicht davon ab, dass ein Schuldner seine Verpflichtungen erfüllt. Voltaire soll diesen Gedanken einmal sehr drastisch auf den Punkt gebracht haben: „Papiergeld kehrt schließlich zu seinem inneren Wert zurück – null.“

Eine interessante Nachricht kam ausgerechnet am Mittwoch aus den Niederlanden. Die niederländische Zentralbank teilte mit, in den vergangenen sechs Monaten 86 Tonnen Gold aus New York und Ottawa nach London verlagert zu haben. Begründung: Das Gold solle im Krisenfall besser handelbar und verfügbar sein. Man muss daraus keine Verschwörungstheorie basteln. Bemerkenswert ist es trotzdem: Während Privatanleger darüber diskutieren, ob Gold nach einem Kursrückgang noch attraktiv ist, beschäftigen sich Zentralbanken ganz praktisch damit, wo ihre Goldbarren im Ernstfall am besten liegen.

Somit kommt die wichtigste Erkenntnis dieser Woche nicht von politischen Analysten oder Charttechnikern, die mit mathematischen Modellen der Realität hinterherjagen. Es handelt sich stattdessen um eine simple Lebensweisheit: „Gut Ding will Weile haben.“ Niemand kann jeden Tag einen neuen Rekord aufstellen. Unternehmen investieren, konsolidieren und wachsen anschließend weiter. Menschen machen Urlaub und kommen hoffentlich mit neuer Energie zurück. Und selbst Gold darf nach einer kräftigen Rally einmal durchschnaufen. Es gibt viele gute Gründe, dass diese Verschnaufpause der vergangenen Tage nicht das Ende einer Aufwärtsbewegung war, sondern der Anlauf für die nächste Etappe.

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