Wir Deutschen sind ziemlich gut darin geworden, unsere eigenen Probleme zu beschreiben. Zu viel Bürokratie, zu hohe Energiepreise, zu wenig Wachstum, zu wenige Fachkräfte, zu hohe Steuern. An Diagnosen herrscht kein Mangel. Manchmal entsteht allerdings der Eindruck, wir hätten uns mit der Diagnose inzwischen so ausführlich beschäftigt, dass für die Therapie kaum noch Zeit bleibt.
Nicola Leibinger-Kammüller, Vorstandsvorsitzende des Maschinenbauers Trumpf, hat dazu im Handelsblatt einen bemerkenswerten Gastbeitrag geschrieben. Schon die Überschrift ist eine kleine Provokation: „Der Aufbruch beginnt bei uns – worauf warten wir noch?“ Ihre These: Deutschland braucht nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine mentale Wende. Mehr Vertrauen in Unternehmen, mehr Freiheit und weniger von der Vorstellung, der Staat müsse wirtschaftlichen Erfolg planen und regulieren.
Ich finde, sie hat recht. Nicht mit jedem einzelnen Satz muss man übereinstimmen. Aber der Grundgedanke trifft einen wunden Punkt: Wir warten zu viel. Auf niedrigere Energiepreise. Auf weniger Bürokratie. Auf bessere Rahmenbedingungen. Auf das nächste Reformpaket. Vielleicht sogar darauf, dass irgendwann jemand kommt und uns erklärt, wie Deutschland wieder wachsen soll.
Ein Unternehmer kann sich diesen Luxus nicht leisten. Wenn ein Kunde abspringt, kann er nicht jahrelang darüber beraten, warum der Kunde abgesprungen ist. Er braucht einen neuen. Wenn ein Konkurrent ein besseres Produkt anbietet, muss er seines verbessern. Wenn eine Technologie sein Geschäftsmodell bedroht, muss er reagieren. Und wenn die Kosten steigen, muss er überlegen, wie er produktiver wird.
China hat nicht auf uns gewartet
Leibinger-Kammüller spricht einen Punkt an, der besonders wehtut. Der deutsche Maschinenbau habe die Geschwindigkeit unterschätzt, mit der China aufgeholt hat. Nicht alles lässt sich mit staatlichen Subventionen oder niedrigeren Kosten erklären. Chinesische Unternehmen entwickeln inzwischen selbst schnell neue Produkte und Technologien und greifen genau jene Märkte an, auf denen Deutschland jahrzehntelang besonders stark war.
Wie aktuell diese Warnung ist, zeigt eine Analyse der Europäischen Zentralbank aus dieser Woche. Die EZB sieht deutsche Unternehmen besonders stark vom industriellen Aufstieg Chinas betroffen. Der Grund ist ausgerechnet unsere bisherige Stärke: Deutschland und China konkurrieren inzwischen in ähnlichen Bereichen – Maschinenbau, Fahrzeuge und zunehmend technologisch anspruchsvolle Industrieprodukte. Gleichzeitig kauft China mehr davon selbst und benötigt entsprechend weniger Importe aus Europa.
Das ist keine angenehme Nachricht. Aber auch keine Einladung zur Resignation. Denn Deutschland kann noch etwas. Unsere Unternehmen verfügen über jahrzehntelange Erfahrung, hervorragend ausgebildete Ingenieure, Techniker und Facharbeiter, eingespielte Zuliefernetzwerke und in vielen Nischen über Weltmarktführer, deren Namen außerhalb ihrer Branche kaum jemand kennt. Dieses Wissen lässt sich nicht über Nacht kopieren.
Und es gibt neue Chancen. Leibinger-Kammüller nennt industrielle Künstliche Intelligenz, Halbleiter, Elektronik und automatisierte Fabriken. Ein weiteres Wachstumsfeld entsteht derzeit dort, wo man es vor einigen Jahren kaum vermutet hätte: in der Verteidigungsindustrie. Eine aktuelle Untersuchung der Hamburg Commercial Bank schätzt, dass von den für 2026 vorgesehenen 108 Milliarden Euro deutschen Verteidigungsausgaben rund 73 Milliarden direkt an Unternehmen fließen könnten. Gerade für den Mittelstand entstehen dadurch neue Märkte.
Jeder ist seines Glückes Schmied
Eine alte Lebensweisheit passt erstaunlich gut in die aktuelle wirtschaftspolitische Diskussion: Jeder ist seines Glückes Schmied. Das bedeutet nicht, dass der Staat unwichtig wäre. Im Gegenteil. Eine erfolgreiche Wirtschaft braucht gute Schulen, funktionierende Straßen und Schienen, Sicherheit, eine verlässliche Energieversorgung und Regeln, auf die man sich verlassen kann. Aber der Staat muss nicht das bessere Unternehmen sein. Er sollte dafür sorgen, dass Unternehmen gute Unternehmen sein können.
Und es gibt erste Anzeichen dafür, dass die Lage besser ist als ihr Ruf. Das Handelsblatt Research Institute hat seine Wachstumsprognose für Deutschland 2026 inzwischen auf 1,1 Prozent angehoben und erwartet für 2027 weitere 1,4 Prozent. Der ZEW-Index zeigt ebenfalls vorsichtigen Optimismus. Gleichzeitig warnt die Bundesbank zwar vor einer vorübergehenden Schwäche im dritten Quartal, sieht die deutsche Wirtschaft grundsätzlich aber weiter auf einem Erholungspfad. Das sind keine Zahlen für ein neues Wirtschaftswunder. Aber sie zeigen: Der Patient liegt nicht auf der Intensivstation.
Gold verdaut den Zinsschock
Während Deutschland also darüber diskutiert, wie ein wirtschaftlicher Aufbruch gelingen kann, haben die Finanzmärkte in dieser Woche ganz andere Sorgen beschäftigt: Die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen hat zwischenzeitlich wieder die Marke von fünf Prozent überschritten: Ein Niveau, das zuletzt 2007 erreicht worden war. Am Dienstag lag sie noch bei rund 4,9 Prozent. Gleichzeitig rechnen die Märkte inzwischen mit weiteren Zinserhöhungen der Fed. Für Dezember wurde zuletzt eine Wahrscheinlichkeit von rund 90 Prozent eingepreist. Was bedeutet das für einen normalen Anleger?
Fünf Prozent Rendite bei einer amerikanischen Staatsanleihe sind eine echte Alternative. Wer Gold besitzt, bekommt keine Zinsen. Wer eine Anleihe hält, schon. Je höher die Renditen steigen, desto mehr muss Gold gewissermaßen erklären, warum man es trotzdem besitzen sollte. Trotzdem hält sich der Goldpreis oberhalb von 4.300 Dollar. Hohe Zinsen und Anleiherenditen mögen also auf den ersten Blick heftigen Gegenwind für Gold bedeuten, doch die Gründe für diese hohen Zinsen liefern gleichzeitig Argumente dafür. Die Inflation ist noch nicht besiegt, und steigende Finanzierungskosten belasten Staaten, Unternehmen und Verbraucher.
Dass sich Gold unter diesen Bedingungen behauptet, zeigt: Anleger halten das Edelmetall offenbar nicht nur wegen möglicher Kursgewinne, sondern weiterhin als Absicherung für den Fall, dass wirtschaftlich und politisch nicht alles nach Plan läuft. Das ist kein Widerspruch zum Optimismus. Im Gegenteil: Wer an die Zukunft glaubt, darf trotzdem für ihre Überraschungen vorsorgen.