Manchmal reicht ein einfaches Bild, um ein ziemlich großes wirtschaftliches Problem zu erklären. Sebastian Matthes, Chefredakteur des Handelsblatts, beschreibt in einem bemerkenswerten Editorial einen Besuch mit seinen Kindern auf der Zeche Zollverein in Essen. Wo einst Tausende Bergleute arbeiteten und Kohle gefördert wurde, drehen heute Familien auf einer Eisbahn ihre Runden. Matthes fragt sich, wie unsere Kinder eines Tages auf die heutigen Symbole unseres Wohlstands zurückblicken werden: Werden sie vielleicht irgendwann im Volkswagen-Werk in Wolfsburg Schlittschuh laufen?
Das ist natürlich eine bewusst zugespitzte Frage. Aber sie trifft einen Punkt, über den wir in den vergangenen Wochen schon häufiger gesprochen haben. Deutschland diskutiert mit großer Ausdauer darüber, welche Industrien verschwinden könnten. Automobilindustrie, Chemie, Maschinenbau, Stahl. Wir zählen Stellen, die abgebaut werden, Fabriken, die schließen, und Investitionen, die anderswo stattfinden. Die mindestens ebenso wichtige Frage lautet jedoch: Was kommt danach?
Matthes ist für sein neues Buch durch einige der erfolgreichsten Technologiezentren der Welt gereist: Boston, Shenzhen, Bangalore. Seine Beobachtung ist ermutigender, als man zunächst vermuten könnte. Keines dieser Zentren ist einfach vom Himmel gefallen. Überall haben Unternehmer, Wissenschaftler und Politik über lange Zeit Strukturen geschaffen, aus denen schließlich neue Industrien entstanden sind. Seine Schlussfolgerung: Mit den richtigen Bedingungen kann auch Deutschland wieder zu einem solchen Innovationsstandort werden.
Das gefällt mir an diesem Gedanken. Denn er widerspricht der inzwischen beliebten Vorstellung, wirtschaftlicher Aufstieg sei eine Art Naturereignis. China ist nicht deshalb zu einer Industrienation geworden, weil die Chinesen morgens aufgewacht sind und plötzlich Elektroautos, Batterien und Solarmodule bauen konnten. Das amerikanische Silicon Valley entstand ebenso wenig durch besonders schönes Wetter in Kalifornien. Erfolg wird gemacht.
Wir reden zu viel über das Verlieren
Womöglich haben wir in Deutschland dabei sogar ein sprachliches Problem. Zukunft wird erstaunlich oft als Zumutung verkauft. Wir sollen länger arbeiten, mehr vorsorgen, Energie sparen, Schulden begrenzen, wettbewerbsfähiger werden und uns auf Veränderungen einstellen. Alles für sich genommen wichtige Debatten. Nur klingt die Zukunft irgendwann wie eine ziemlich lange Rechnung, die jemand auf den Tisch legt.
Matthes formuliert es treffend: Die Zukunft habe in Deutschland kommunikativ eine schlechte Lobby. Reformen würden häufig über das erklärt, was Menschen aufgeben müssten, und weniger darüber, was dadurch entstehen könnte. Seine Kritik richtet sich dabei ausdrücklich auch an die Innovationspolitik des Bundes, die aus seiner Sicht stärker koordiniert werden müsste. Das ist seine politische Bewertung, interessant daran ist vor allem der dahinterliegende Gedanke: Eine Gesellschaft wird Veränderungen leichter akzeptieren, wenn sie weiß, wofür sie diese auf sich nimmt.
Das kennt jeder Unternehmer. Niemand investiert eine Million Euro in eine neue Maschine, weil er gern eine Million Euro loswerden möchte. Er tut es, weil er anschließend schneller, besser oder günstiger produzieren kann. Warum erklären wir wirtschaftliche Reformen nicht häufiger genauso? Natürlich werden nicht alle heutigen Arbeitsplätze bestehen bleiben. Manche Geschäftsmodelle werden verschwinden. Das war allerdings schon immer so. Die entscheidende Frage ist nicht, ob sich eine Volkswirtschaft verändert. Sie lautet, ob an die Stelle des Alten rechtzeitig etwas Neues tritt.
Die Zeche Zollverein ist heute ein beeindruckendes Industriedenkmal. Und natürlich ist es schön, wenn Kinder dort Schlittschuh laufen können. Bei Volkswagen, Siemens, BASF oder unseren vielen mittelständischen Weltmarktführern wäre mir allerdings lieber, unsere Kinder hätten später einen anderen Grund für einen Besuch: weil dort auch dann noch etwas hergestellt wird, das die Welt haben möchte.
Die Inflation meldet sich zurück
Während wir also über die wirtschaftliche Zukunft sprechen, hat uns am Mittwoch ein ziemlich gegenwärtiges Problem eingeholt. Die Inflation in Deutschland ist im September überraschend deutlich gestiegen. Nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes lagen die Verbraucherpreise 3,3 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Besonders interessant ist, woher der neue Preisdruck kommt: Die Energiepreise lagen im September 14,9 Prozent über dem Vorjahresniveau; im August waren es 10,5 Prozent gewesen. Hier schlägt vor allem der Energiepreisschock infolge des Iran-Krieges durch.
Interessanterweise kam am selben Tag aus den USA die gegenteilige Nachricht. Der von der amerikanischen Notenbank besonders beachtete PCE-Preisindex stieg im August um 0,3 Prozent gegenüber dem Vormonat und um 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das war weniger als erwartet. Prompt sank an den Finanzmärkten die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung der Federal Reserve bereits im Oktober deutlich. Der Dollar gab nach, die kurzfristigen Anleiherenditen fielen – und Gold bekam zunächst Rückenwind.
Für Gold ist das ein Wechselbad der Gefühle. Noch am Montag hatte das Edelmetall fast vier Prozent verloren und war zeitweise bis auf rund 4.111 Dollar je Feinunze gefallen – den niedrigsten Stand seit Anfang August. Der Grund war ausgerechnet die Inflationsangst: Höhere Ölpreise ließen Anleger mit weiteren Zinserhöhungen rechnen. Der Dollar und die Anleiherenditen stiegen. Beides macht Gold, das selbst keine Zinsen abwirft, weniger attraktiv.
Inflation ist nicht automatisch gut für Gold
Häufig heißt es: Inflation steigt, also steigt Gold. So einfach funktioniert es aber nicht mehr. Entscheidend ist, wie die Notenbanken auf die Inflation reagieren. Steigen die Preise und erhöhen Fed oder EZB deshalb die Zinsen, werden verzinste Anlagen attraktiver. Das kann Gold zunächst belasten. Genau das haben wir am Montag erlebt. Steigt die Inflation dagegen, während Zweifel wachsen, ob die Notenbanken sie ohne größere wirtschaftliche Schäden bekämpfen können, gewinnt die Funktion von Gold als Absicherung wieder an Bedeutung. Deshalb sind die neuen deutschen Inflationszahlen für Gold nicht unmittelbar ein Kaufsignal. Sie erinnern vielmehr daran, warum das Edelmetall trotz hoher Zinsen weiterhin einen Platz im Vermögensmix hat: Wir haben uns in den vergangenen Jahren mehrfach zu früh von der Inflation verabschiedet. Jetzt zeigt sich erneut, wie schnell ein Krieg, ein steigender Ölpreis oder eine unterbrochene Lieferkette die Rechnung verändern kann.